Archiv der Kategorie Afrika

Ein bisschen Sudan …

… oder ein bisschen Ägypten? Bei meiner Reise in den Sudan habe ich zum wiederholte Mal nicht zu 100% die unfassbar strengen Kriterien erfüllt: Der Autor ist in England geboren, im Sudan aufgewachsen und sein Protagonist arbeitet im ägyptischen Kairo, doch ist Flüchtling aus dem Sudan. Der Sudan ist also nicht zu 100% drin. Und als Topping gibt es noch die Frage, was ich mit dem Südsudan anfange. Das Buch spielt 1998, wurde 2012 veröffentlicht - und just 2011 teilte sich das Land in die Republik Sudan und den Südsudan auf. Gehen wir mal zu meinen Gunsten davon aus, dass Bilal 2011 im Januar, zum Zeitpunkt des Referendums über die Unabhängigkeit, noch geschrieben hat, dann mache ich es mir in diesem Fall sehr einfach: Bilal hat mein Sudan-Buch geliefert (ich mache diese Bananenbiegerei mit dem nächsten Buch wieder wett, versprochen).

In Rückblicken erfährt der Leser im Buch einige unschöne Details aus dem Sudan, dem Land, in dem Kommissar Makana lange Jahre gearbeitet hat und aus dem er Anfang der 1990er Jahre fliehen musste.

Der Sudan zählt nach wie vor zu den ärmsten Entwicklungsländern in Afrika. Dabei müsste das eigentlich gar nicht sein, wenn man liest, dass das Land eigentlich über ziemlich viele Bodenschätze verfügt. Erdölfelder beispielsweise, von denen noch nicht einmal alle erschlossen sein sollen. Ein wichtiges Exportgut ist zudem die Baumwolle und der Sudan liefert etwa 80% der Weltproduktion von Gummiarabiku (siehe Wikipedia). Dem Land könnte es wirtschaftlich besser gehen (doch das ist ein uferloses Thema …).

Rezension
Sudan Parker Bilal - Die dunklen Straßen von Kairo

Doppelfahrt nach Afrika

Zwei Bücher kurz hintereinander brachten mich nach Afrika: In den Benin und nach Nigeria, Nachbarländer also.

Im Benin war ich mit der Fotografin Ada Simon unterwegs, die dort für Reportagen fotografieren soll. Sie spricht fließend französisch, die Amtssprache des Landes, begegnet aber immer wieder Menschen, die sich auf Fon unterhalten. Gerade im Süden ist dieses Volk dominierend, doch Fon spricht Simon selber nicht. Ein Foto an einem Telefongeschäft zeigt, wie die Sprache geschrieben aussieht. Rund 60 Sprachgruppen machen Sprachwissenschaftler im Land aus.

Im Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern sieht der Benin winzig aus. Dabei steckt die Größe schon irgendwie zwischen der Portugals und der Griechenlands und mit beiden Ländern teilt sich der Benin auch eine vergleichbare Bevölkerungszahl von ca. 10 Millionen Einwohnern.

Im Nachbarland Nigeria war ich auf der Spur der Scammer unterwegs. Ein Land, in dem übrigens rund 500 Sprachen gesprochen werden - unglaublich. Die Sprache der Vorschussbetrüger ist im Westenlichen englisch, versteht sich, und wie es der Zufall wollte, erhielt ich just während der Lektüre dieses Buchs mehrere Mails, die mir ebenfalls Gewinne in Millionenhöhe versprachen, wenn ich nur die Gelegenheit ergreifen und irgendwelche Gelder auf ewig nicht bedienten Konten retten würde. In Nigeria gibt es ein Gesetz mit der Nummer 419, das diesen Betrug unter Strafe stellt. Daher werden die Betrüger auch schon mal als 419er bezeichnet.

Rezensionen
Benin Lena Blaudez - Spiegelreflex
Nigeria Adaobi Tricia Nwaubani - Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy

Komisches Buch

Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie grausam Einsamkeit auf einer südafrikanischen Farm sein kann, sieben Wegstunden vom nächsten Nachbarn entfernt. Ich frage mich aber auch, warum sich Europäer ausgerechnet in flirrender, wenig lebensfreundlicher Hitze breitmachen mussten und  so eine Gegend freiwillig als Kolonialherren bezogen haben.

Magda jedenfalls hat - vielleicht gerade wegen Hitze und Einsamkeit? - für meine Begriffe richtig einen Hau wegbekommen. Warum auch immer, Coetzee erklärt das in seinem Buch nicht richtig. Er erklärt überhaupt sehr wenig und seine Magda lässt alles richtig in der Schwebe - nie weiß man, was sie nun herbeispinnt und was Realität ist.

Für einen Eindruck von Südafrika zu Zeiten der Apartheid taugt dieses Buch nichts; es ist zu sehr ein Kammerspiel, fokussiert auf diese eine Farm mitten im Niemandsland. Auf einen Eindruck aber hatte ich spekuliert, zumal Coetzee 2003 den Literaturnobelpreis erhielt. In seiner Pressemeldung zum Preis würdigte das Komittee dieses Buch so:

One element in his next novel, In the Heart of the Country, is the portrayal of psychosis. A careworn spinster living with her father observes with distaste his love affair with a young coloured woman. She has fantasies of murdering both of them, but everything seems to indicate that she decides rather to immure herself in a perverse pact with the house servant. The actual sequence of events cannot be determined, as the reader’s only sources are her notes, where lies and truths, crudeness and refinement alternate capriciously line by line. The high-flown Edwardian literary style of the woman’s monologue harmonises strangely with the surrounding African landscape.

Ich bin mir mit dem Komittee in einigen Punkten wirklich einig, aber speziell aus diesem Buch kann ich die Faszination für Coetzee nicht nachvollziehen. Wobei mir hier der Autor grundsätzlich einen neuen Versuch Wert ist. Auswahl habe ich ja genug.

Rezension
Südafrika J.M. Coetzee - Im Herzen des Landes

Knallbunte Kuchen

sind in Ruanda groß im Kommen. Mit langweiligen, weißen Hochzeitstorten kann man dort nichts anfangen und der Kuchenbäckerin Angel Tungaraza ist es höchstpeinlich, so eine Torte anfertigen zu müssen. Ihre Spezialität sind Knallfarben und originelle Formen. Schmecken tut’s wohl auch, denn Bestellungen nimmt sie sehr oft entgegen und ihre Kunst hat sich in Kigali herumgesprochen.

So nett und adrett das Kuchenbacken der Tansanierin Angel ist, so wenig adrett gestaltet sich das Leben in Ruanda. Die Wunden des Schreckensjahres 1994 sind noch lange nicht verheilt und es wird auch noch Jahre dauern, bis Land und Leute das Geschehen verdaut haben. Angel schwatzt mit ihren Kunden während der Bestellungen stets und fungiert so als “Medium”, um die ganzen Schicksale sozusagen für die Lektüre transportabel zu machen. Parkin hat auf diese Weise ein aufschlussreiches Länderportrait geschrieben.

Ruanda ist übrigens deutlich kleiner als die Schweiz - was ich aus dem Klecks auf der Landkarte heraus nicht hätte abschätzen können (ca. 26.340 km² gegenüber ca. 41.300). Auch Dänemark ist spürbar größer (ca. 43.000 km² ); das Land ist aber von mehr Menschen bewohnt (ca. 11 Millionen gegenüber 7,8 bzw. 5,5). Die Bevölkerungsdichte ist damit auch noch doppelt so hoch wie in Deutschland. Man versuche mal, sich diese dichte Besiedlung in Deutschland vorzustellen.

Rezension
Ruanda Gaile Parkin - Kuchen backen in Kigali

Ort, an dem wir nicht leben möchten

So heißt laut Wikipedia der Vortort Katutura von Windhoek, in dem Clemencia Garises wohnt - Hauptperson in Bernhard Jaumanns aktuellem Buch. Dieses Katutura ist Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens in einer Zwei-Zimmer-Hütte, die sie sich mit einer Reihe von Familienmitgliedern teilt.

Der Vorort entstand Ende der 1950er Jahre, als die schwarze Bevölkerung Windhoeks aus der Stadt ziehen musste, da die Innenstadt apartheidlich “weiß” bleiben sollte. Die Zwangsumsiedlung führte verständlicherweise zu Unruhen; 1959 kamen bei einem Aufstand an der “Alten Werft” über 40 Menschen ums Leben: Nachdem eine Demonstrantin das Auto des Bürgermeisters in Brand gesteckt hatte, erschoss die Polizei zahlreiche Demonstranten und befahl auch, Verletzten keine Hilfe zukommen zu lassen. Dieses Ereignis gilt als Geburtsstunde der SWAPO.

So viel leichter hat es Clemencia Garises zu Beginn ihrer Ermittlungen im Buch nicht, denn das Mordopfer war ausgerechnet Mitglied der CCB gewesen. Jaumanns spannender Thriller dreht sich um einen Killer, der eine ganz bestimmte Gruppe der früheren CCB im Visier zu haben scheint.

Rezension
Namibia Bernhard Jaumann - Die Stunde des Schakals

Vierter Bibliotheksausweis

Wie, noch einer? Ja! Noch einer!

An sich habe ich genug Lesestoff für die nächsten vier Jahre im Regal. Aber es gibt auch Gelegenheiten, die darf man nicht verstreichen lassen, auch, wenn  das gehortete Lesefutter dann für die kommenden vier Jahre und zwei Wochen reicht. Die Gelegenheit in diesem Fall bringt mir mein Reiseziel Namibia näher. Und zwar nicht einfach mit einem Buch, sondern mit einer Leserunde, noch dazu vom Autoren begleitet. In solch einem Fall müssen gesonderte Mittel bereitgestellt werden. In diesem Fall war es notwendig, mal eben in einen vierten Bibliotheksausweis zu investieren. Lohn der Aktion:

Bernhard Jaumann - Die Stunde des Schakals

Wer mit Bernhard Jaumann nicht viel anfangen kann, für den wird’s jetzt höchste Zeit. Bitte folgen Sie unverzüglich den folgenden Links zu seiner Website - hier - oder zu Bleisatz selbst, wo ich schon einige Bücher von ihm rezensiert habe - hier. Und dann nichts wie ab in die Bibliothek: Jaumann ausleihen!